Apropos fließende Nachrichten…

Sascha Lobo beschreibt in seiner neuen S.P.O.N.-Kolumne die tiefgreifenden Veränderungen in der Weise, wie wir heute Nachrichten rezipieren, als eine der möglichen Ursachen für das aktuell akut an Dramatik gewinnende Printsterben in Deutschland. Seine These:

Schriftliche Nachrichten kommen auf Papier wie im Netz in Artikelform daher, das entspricht der Konsumgewohnheit. Aber vielleicht ändert sich genau das, weil das Publikum auch hier die Prozessualisierung erwartet. Nachrichten sind das Gefühl, aktuell informiert zu werden. Vielleicht steht nicht das bedruckte Papier, sondern die statische Berichterstattung und der abgeschlossene Nachrichtenartikel ohne jede Prozessualisierung im Zentrum der Krise.

Wenn der von Lobo im weiteren beschriebene „unbarmherzige Prozessualisierungdruck“ existiert, – und dafür spricht so manches – dann sehen nicht nur Print-Medien ziemlich alt aus, sondern auch Newssites im Internet werden sich fragen müssen, ob es in naher Zukunft noch ausreichen wird, den steten Nachrichtenfluss nur in (un)regelmäßigen „Momentaufnahmen“ in Artikelform einzufrieren. Lobos Idee, in welche Richtung Berichterstattung im Web evoluieren könnte:

Vielleicht zieht eine erkennbare Zweiteilung herauf: die berichtende Darstellung von Ereignissen, Nachrichten werden als Strom inszeniert, die klassische Artikelform wird an dieser Stelle durch ihre eingebaute Momentaufnahmigkeit hinfällig. Ergänzt wird der prozessuale Strom durch Erklärungen, Hintergründe, Analysen, Geschichten in laufend ergänzter Artikelform, auf die der Strom immer wieder verweisen kann.

Zugegeben, ganz schön viel Anlauf, um zum eigentlichen Anlass dieses Posts zu kommen – aber nun ist es ja geschafft. Denn was Lobo da beschreibt, gibt es tatsächlich schon. Naja, wenigstens im Ansatz.

In Österreich wird seit Anfang dieses Jahres, gefördert von der Netidee-Initiative der Internet Foundation Austria, unter dem Projektnamen Luminous Flux an einer Open-Source-Software gestrickt, die einmal mehr oder weniger genau das können soll, was Lobo skizziert hat: Nachrichten in einem fließenden Prozess online abbilden. Die Selbstbeschreibung ähnelt bis hin zur Zweiteilung durchaus Lobos Ansatz:

Lux is a news site that provides the two components of each story necessary to allow readers to stay up to date at whatever frequency and depth they desire:

  1. A continuously updated/re-written narrative of the entire story up to the current moment. This journalist-written text represents the synthesized understanding a well-informed reader regularly following a certain topic would gain over time.
  2. A realtime stream of the sources behind a story: Original data, source documents, links to articles on other sites, streaming video from live events, reader contributions, etc.
    This is the journalist’s input, unfiltered, shared as it happens. At regular intervals, the most relevant of this content is then worked into the main text of the story.

Eine erste Vorschauversion, wie Journalisten mit diesen Instrumenten in Zukunft ein Thema fortlaufend kuratieren könnten, ist seit April online. Auch wenn das Beispiel-Thema nicht weiter gepflegt wird und damit das eigentlich Spannende, der „Fluss“ der Berichterstattung, nicht mehr so richtig gut nachvollzogen werden kann, ist die Demo doch einen Blick wert. Mitte Oktober haben die Köpfe hinter Luminous Flux angekündigt, bald einen deutschsprachigen Testlauf starten zu wollen:

Darauf bin ich allerdings sehr gespannt und hoffe, dass man dann mal zu sehen bekommt, wie sich so ein Flux-Thema weiterentwickelt und parallel zu den laufenden Ereignissen anwächst.

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