Bloga Fett, Internet-Kopfjäger

Bloga Fett
Bloga Fett – Kopfjäger im Internet

Sie ist eine neverending Story, die Debatte, ob Blogs denn nun eine Gefahr für den traditionellen Journalismus sind oder nicht. Sie wurde schon vor Jahren geführt. Und wird es immer noch. Da sind gewisse Ermüdungserscheinungen eigentlich kein Wunder, wenn wieder mal einer hergeht und versucht, das Verhältnis zwischen Bloggern und Journalisten zu (er)klären. Matthias Armborst hat’s trotzdem gemacht – und für seine Studie “Kopfjäger im Internet oder publizistische Avantgarde” erwartungsgemäß auch Prügel einstecken müssen. Auch mal nur für eine Pressemitteilung zu seinem Buch, die gar nicht er, sondern das herausgebende Netzwerk Recherche verbrochen hat.

Erwartungsgemäß auch, dass ausgerechnet Blogger bzw. bloggende Journalisten die Prügel austeilen, weil sie die “unfruchtbare Gegenüberstellung von Weblogs und Journalismus schon längst als irrelevant in die Besenkammer den Mediengeschichte verbannt” haben. Erwartungsgemäß – und blöd. Blöd, weil die Studie primär eigentlich gar nicht Blogger bzw. bloggende Journalisten anspricht, sondern Journalisten, die mit Blogs nicht so viel am Hut haben. Steht schließlich schon im Untertitel: “Was Journalisten über Weblogs und ihre Macher wissen sollten”. Was das ist, fasst Armborst am Ende seines Buches in zwei Sätzen zusammen:

Weblogs können den Journalismus anspornen, ergänzen und bereichern. Ersetzen können sie ihn nicht.

So versucht Armborst den Graben zuzuschütten, der da irgendwann mal zwischen Journalisten und Bloggern aufgerissen wurde. Diesem Fazit schickt er auf insgesamt 245 Seiten einen detaillierten Überblick voraus, woher Blogs kommen, welche Typen von Blogs unterschieden werden können und welches journalistische Potenzial in ihnen steckt.

Interessant ist vor allem das Kapitel über das Verhältnis von Weblogs und Journalismus: Es gibt keine endgültige Antwort auf Armborsts provokative Frage im Buchtitel – die ja wohl ohnehin nur zwei gegensätzliche Extreme benennt, die Wahrheit dürfte wohl irgendwo dazwischen liegen – gewährt aber aufschlussreiche Einblicke, wie Vertreter des klassisch-professionellen Journalismus Weblogs einschätzen und wie Blogger selbst über ihr Medium denken.

Kopfjäger im Internet?Einen Schwerpunkt legt Armborst auch auf ethische Aspekte beim Bloggen. Die niedrige Publikationsschwelle mache das Web zu einer “idealen Brutstätte für Klatsch und Gerüchte, Verleumdungen, Lügen und Wahnideen”. Vor diesem Hintergrund sei die Entwicklung einer Blog-Ethik gefordert, der sich Blogger verpflichtet fühlen müssten.

Wie die der Studie zugrundegelegte Umfrage unter 148 deutschen Bloggern aber zeigt, fühlen sich nur wenige journalistischen Wertvorstellungen verpflichtet – obwohl immerhin 37 Prozent der Befragten über journalistische Vorkenntnisse verfügen. Trotzdem wählten die meisten Blogger bei der Frage nach ihrer Motivation Antworten, die auf grundsätzlich journalistische Ansprüche schließen lassen. Welchen Wert diese Daten von gerade einmal 148 Studienteilnehmern angesichts rund 250.000 (?) deutschsprachiger Weblogs haben, sei dahingestellt.

Trotz dieser kleinen Schwäche eine, wie ich finde, lesenswerte Studie, die insbesondere klassischen Journalisten helfen könnte, Vorurteile und Missverständnisse gegenüber Blogs und Bloggern zu überwinden. Blogger selbst werden in der Studie dagegen zwar ein paar spannende Fakten finden, aber wenig neues über sich selbst erfahren.

Matthias Armborst: Kopfjäger im Internet oder publizistische Avantgarde? Was Journalisten über Weblogs und ihre Macher wissen sollten. Band 4 der Reihe: Recherche-Journalismus und kritische Medienpolitik (Herausgeber: Netzwerk Recherche. Münster, 2006. 245 Seiten, 14,90 Euro. ISBN 3-8258-9633-1).

Rezensionen zum Buch auch auf Wortfeld und beim PR-Blogger.

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