Netzeitung sucht 20 Millionen Content-Sklaven
Die gute Nachricht: Endlich kommen all die arbeitslosen Journalisten von der Straße – und schätzungsweise 19.785.482 weitere Bundesbürger ohne Job können auf Redakteur umsatteln. Denn:
Die Netzeitung sucht 20 Millionen Redakteure
Die schlechte Nachricht: Leben wird davon keiner der 20 Millionen können.
Aber langsam und der Reihe nach: Ende Mai startet die Netzeitung ihr Projekt Readers Edition, für das derzeit mit folgendem Aufruf geworben wird und das Steffen vom media-ocean bereits alpha-testen darf:
Deutschlands erste Internet-Zeitung erweitert ihr Korrespondenten-Netz. Wir suchen 20 Millionen Mitarbeiter. Wir erwarten Berichte, Artikel, Nachrichten, Fotos aus allen Ländern zu allen Themen. Jeder soll veröffentlichen, der mehr weiß als wir. Chefredakteure und Ressortleiter werden vom Volk gewählt.
Klingt nach hehrem basisdemokratischen Journalismus, Peter2.0 würde vermutlich mal wieder den Begriff Journalismus2.0 strapazieren überschreibt es mit “Talent-Farm” und will ein “Übungsfeld für die Generation Praktikum” ausgemacht haben. Christoph Dowe vom metablocker nennt’s “Community-Broadcasting”, netzpolitik.org “Citizen Journalism”. Nennt es, wie ihr wollt – Thomas Mrazek hat den Pferdefuß schon gefunden:
Vor allem junge Journalisten und Journalistenschüler sollten dort die Möglichkeit erhalten, zu schreiben. Honorare zahle die «Netzeitung» für diese Beiträge allerdings nicht, sagte Dönhoff. [Philip Graf Dönhoff, Geschäftsführer der Netzeitung, T.M.]
Sprich: Die Netzeitung will endlich auch was richtig web2.0-mäßiges aufziehen, ehe der Zug abgefahren ist. Aber bitte möglichst billig. Also am besten ein paar geltungsgeile Jung-Journalisten und Journalismus-Studenten ködern, in der Annahme, dass die schon dankbar nach jedem Strohhalm greifen werden, solange sie nur versprochen bekommen, im Dunstkreis eines halbwegs bekannten Mediums publiziert zu werden.
In Dieburg ist man unverständlicherweise schon völlig aus dem Häuschen – offenbar freut man sich dort, dass man von Projektleiter Peter Schink schon ganz früh ausgespäht wurde, als billiger Content-Sklave vor den Readers-Edition-Karren gespannt zu werden.
Fabian Mohr gibt zu bedenken, dass jeder “frei entscheiden (kann), ob er das zu den gegebenen Konditionen macht – oder nicht. Dass es kein Geld gibt, ist transparent, bei der Freundin wie bei der Netzeitung.” Hat er natürlich recht. Gegen das Konzept wäre ja auch nichts einzuwenden, wenn Netzeitung oder Burda mit seinen freundin-Blogs damit ebenfalls kein Geld verdienen wollten. Davon ist ja aber kaum auszugehen. Wofür die Verlage auch regelmäßig gealphonst und geknüwert werden.
Also dann entscheide ich mal völlig frei: Nöööööö, danke, liebe Netzeitung. Blogge ich doch lieber weiter für mich allein und muss mich dafür auch nicht der Knute eines basisdemokratisch gewählten “Chefredakteurs” unterwerfen. Und wenn ihr doch mal Geld in die Hand nehmen wollt, um damit Leistung entsprechend zu würdigen: Ihr wisst, wo ihr mich findet.
[Nachtrag] Michael Gisiger vom Wort|ge|fecht hat sich auch mit der Readers Edition beschäftigt. Seiner Meinung nach “gehört eine Entlöhnung zwingend zum Konzept des citizen journalism – alles andere ist Bloggen auf einer anderen Plattform.” Beim Blogruf der Zeit ist Falk Lüke ähnlich skeptisch wie ich: “zumindest so lange, wie man Aufmerksamkeit nicht essen kann.”