Wie naiv können Verlage eigentlich sein?

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Man muss kein ausgewiesener Apple-Skeptiker sein, um sich über die grenzenlose Begeisterung der Verlagswelt für iPhones und iPads nur wundern zu können. Zu erklären ist sie wohl nur mit der Verzweiflung einer Branche, der selbst keine Lösung einfallen will, wie den seit Jahren rückläufigen Auflagenzahlen beizukommen ist. Wie praktisch ist es da also anzunehmen, dass ein anderer das für einen übernommen haben könnte. Nicht nur, dass Apple mit iPhone und iPad überhaupt erst einen Markt geschaffen hat, den es bislang noch gar nicht gab. Der Konzern hat ihn auch noch nahtlos mit einem weitgehend hermetisch geschlossenen Vertriebs- und Abrechnungssystem verwoben, das möglich macht, wovon Medienhäuser seit Jahren phantasieren: Geld für Inhalte kassieren. “Jeder Verleger sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs dafür danken, dass er mit diesem Gerät die Verlagsindustrie rettet”, hallelujahte Springer-Vorstand Matthias Döpfner deshalb kurz nach der Einführung des Apple iPad (übrigens eine merkwürdige Form von Religiösität, die Döpfner da zum Ausdruck bringt).

Nun stellt sich – an der empörten Reaktion der Verlage gemessen offenbar völlig überraschend – heraus, dass Apple sein iUniversum wohl doch nicht erschaffen hat, um verzweifelten Zeitungshäusern aus der Patsche zu helfen.

Wie naiv muss man sein, um daran geglaubt zu haben? Spätestens ab dem 30. Juni soll der Verkauf von Inhalten unter Umgehung des Apple-iTunes-Stores verboten werden. Apple möchte nicht auf die 30 Prozent Umsatzbeteiligung verzichten, die das Unternehmen als Gebühr dafür erhebt, dass es eine Infrastruktur zur Verbreitung und Abrechnung von Inhalten zur Verfügung stellt. Die Frist gilt für bereits im App Store eingestellte Apps, neue müssen laut “Wall Street Journal” wohl bereits zum Stichtag 31. März zumindest auch das In-App-Purchasing eingebaut haben, sonst werden sie nicht mehr in den App Store aufgenommen. Damit schiebt Apple dem Versuch der Verleger, ihre Printabozahlen durch eine im Abopreis inkludierte Nutzung der iPad-App zu stabilisieren, gewissermaßen einen Riegel vor. Eigentliche Absicht ist das natürlich nicht, Apple möchte mit seinen Produkten einfach nur Geld verdienen. Das ist das gute Recht eines jeden Unternehmens – ebenso wie festzulegen, welchen Preis es dafür verlangt. Mancher entblödet sich da noch nicht einmal, gar einen Betrug seitens Apple zu wittern. Ein Vorwurf, der nur schwer aufrecht zu erhalten sein dürfte, zumal die neue App-Store-Richtlinie noch nicht einmal wirklich neu ist. Sie ist wohl schon länger Bestandteil der Nutzungsbedingungen und wurde von Apple bislang nur tolerant gehandhabt.

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Was also soll das Gejammer? Wer sich dafür entschieden hat, im Vergnügungspark eines anderen zu spielen, weil er nicht den unternehmerischen Mumm hatte, seinen eigenen zu eröffnen, muss damit leben, dass nicht er die Hausordnung bestimmt. Und es ist ja nicht so, dass Apple alternativlos wäre: Gerade hat Google die Pad-spezifische Version seines Mobile-Betriebssystems Android (“Honeycomb”) vorgestellt. Betrachtet man die rasante Aufholjagd von Android auf iOS, könnten Verleger langfristig gut beraten sein, schwerpunktmäßig lieber auf das Google-System zu setzen. Auf dem US-Markt haben laut einer von ComScore erhobenen Schätzung Ende 2010 Smartphones auf Androidbasis das iPhone überholt und halten nun nach RIM den zweitgrößten Marktanteil mit 26 Prozent (iPhone: 25 Prozent). Andere Erhebungen sehen Android mit 35 Prozent gegenüber 17 Prozent für iPhone sogar bereits deutlich vorne. Zwei Jahre nach dem offiziellen Start von Android hat das System damit den gut anderthalbjährigen Vorsprung des iPhone wettgemacht. Das erst im April 2010 eingeführte iPad hat deutlich weniger Vorsprung, zudem ist Android 3.0 technisch weit ausgereifter als es noch Version 1.1 im Oktober 2008 war. Es wird wohl noch weniger Zeit brauchen, bis auch Android-Tablets eine weitere Verbreitung vorweisen können als Apples iPad.

Daneben spricht Googles Prinzip eines offenen Systems deutlich für Android, bei der Honeycomb-Präsentation betonte Produktmanager Hugo Barra, dass Google Inhalteanbieter nicht dazu zwingen werde, den Android-Market zu verwenden: “Android ist ein offenes System, Entwickler können damit machen, was sie wollen.” Vorausgesetzt, dass nicht auch Google seine Spielregeln ändert: Was wäre da konsequenter, als sich möglichst bald auf Android zu konzentrieren? Das jetzt noch weit verbreitete Argument der größeren Durchdringung von iPhones wird nicht nicht mehr lange Bestand haben. Und wer weiß: Ein konzertierter Ausbruch der Verlage aus Apples goldenem Käfig, kombiniert mit dem wachsenden Konkurrenzdruck durch Android, macht Apple dann vielleicht auch wieder empfänglich für verlegerfreundlichere Kompromisse. Aber möglicherweise gehen die signalisierten Gegenmaßnahmen der Branche, die sich am 17. Februar in London zur Krisensitzung treffen wird, ja genau in diese Richtung.

[Update 8.2.2011] I: Okay, zumindest die Pläne des europäischen Zeitungsverlegerverbands ENPA sehen anders aus: Der fordert Apple einfach auf, Verlagen einen freien Zugang zum iPad zu gewähren, ohne ein bestimmtes Geschäftsmodell vorzuschreiben.

II: Carta-Autor Matthias Schwenk riet Verlagen übrigens schon im Januar dazu, die Fragmentierung in unterschiedliche Plattformen gänzlich zu boykottieren und statt dessen auf den “Browser in Verbindung mit intelligenter Software” zu setzen. Ein guter Rat, wie ich finde. Der allerdings außer Acht lässt, dass die Verlage ja vor allem deshalb auf Apple setzen, weil iTunes ein Bezahlmodell etabliert hat, dass von den Usern angenommen wird und das die Verlage deshalb nur zu gerne in Anspruch nehmen wollen – nur eben nicht zu den Konditionen, die Apple vorgibt. Ein komplettes Umschwenken auf device-optimierte, browserbasierte Content-Angebote würde die Medienhäuser nur wieder vor das alte Problem stellen, ein funktionierendes eigenes Bezahlmodell erfinden zu müssen.

[Update 9.2.2011] I: Thomas Knüwer hat sich ganz ähnliche Gedanken gemacht und vermutet, dass die Verlage sich in erster Linie über die ihnen vorenthaltenen Adressdaten entrüsten.

II: “Der Machtwechsel kommt schneller, wenn die Verlage ihre Fixierung auf Apple aufgeben und bei der Entwicklung neuer Apps zuvorderst auf Android setzen”, schlussfolgert heute auch mein sehr geschätzter Verlagskollege Olaf Kolbrück.

[Update 10.2.2011] Auch Felix Schwenzel nimmt sich die Kontrollfreaks der deutschen Verlagswelt zur Brust.

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