Wieder mal leidet ein Journalist am (und im) Internet

Erneut wabert der stechende Geruch von Angsturin durchs Web. Diesmal hat Ulrich Clauß es laufen lassen, als er sich in einem Leid-Artikel für die Welt die Furcht um seine Stellung als Gatekeeper-Journalist von der Seele schrieb. Noch nach dem zweiten Absatz wollte ich dieses Stück mühsam konstruierter Zusammenhänge genüsslich demontieren.  Aber schon nach dem Einstieg in den dritten Absatz hatte ich darauf keine Lust mehr. Erstens, weil das andere bereits sehr ausführlich erledigt haben. Und zweitens, weil Herr Clauß sich nicht einmal zu schade ist, folgenden Satz zu schreiben:

Eine Schlüsselrolle spielten dabei sogenannte Blogs.

Sogenannte. Meiner Meinung nach eines der ganz schlimmen Unwörter im Journalismus. Wenn etwas so genannt wird, muss man nicht noch einmal besonders darauf hinweisen, dass es so genannt wird. Sogenannt sollte man eigentlich nur benutzen, wenn man daran zweifeln darf, dass etwas auch zu Recht so genannt wird. Journalisten benutzen sogenannt aber gerne auch dann, wenn sie damit ihre persönliche Meinung zum Ausdruck bringen wollen, dass dieses so genannte in ihren Augen sowieso nur Mumpitz ist. Was Blogs für Herrn Clauß offenbar sind, weshalb er sie lieber “Netzrubriken” nennt. Ohne darauf hinzuweisen, dass außer ihm bisher wohl ungefähr niemand Blogs jemals so genannt hat. Jedenfalls war es mir da schlagartig schon wieder zu blöd, mich ausführlicher mit einer so plumpen Form von Paranoia auseinanderzusetzen.

Eine Frage hätte ich zu dem Text aber dennoch: Wenn Ulrich Clauß schreibt

Unter einer dünnen Schicht redaktionell abgesicherter und namentlich verantworteter Marken-Informationsangebote besteht der weitaus größte Teil der Internetinhalte aus anonymem Meinungswissen, Gerüchten, übler Nachrede und mehr oder weniger professionell organisierter Desinformation.

wähnt er sich dabei eigentlich auch selbst unterhalb dieser dünnen Schicht? Schließlich verbreitet er selbst weiter das Gerücht, dass der Urheber einer Falschmeldung über eine angebliche Herzattacke von Apple-Chef Steve Jobs sich “wahrscheinlich an der Börse eine goldene Nase verdient” habe – obwohl bereits vor gut zwei Wochen verschiedene namentlich verantwortete Marken-Informationsangebote berichtet hatten, dass eine Untersuchung der US-Börsenaufsicht SEC keinerlei Hinweis darauf ergab, dass der 18-jährige Verursacher der Falschmeldung von dem plötzlichen Kurssturz der Apple-Aktie profitiert hat.

Außer Ulrich Clauß hat übrigens auch seit Jahresbeginn 2007 ungefähr niemand mehr die üble Nachrede über angebliche Spenden des Inhabers eines deutschen Milchverarbeitungskonzerns an die rechtsextreme NPD aufgewärmt.  Auch der Hoax-Info-Service der TU Berlin berichtete zum letzten Mal im Februar 2007 von der angesprochenen Hoax- (nicht Spam-)Mail.

Soviel zu dem Thema von mir – mehr bei den anderen.

3 Comments

  • Pingback: Wissenswerkstatt | Verheddert: Ulrich Clauß verfängt sich in herbeiphantasierten Schleppnetzen und versteht die Welt nicht mehr

  • 10. November 2008 - 23:29 | Permalink

    Bezüglich der Spenden an einen Milchverarbeitungskonzern fällt mir aber eine Geschichte aus “Wiener” ein, der allerdings so alt ist, dass sich heute kaum jemand mehr dran erinnert. Da ging es aber nicht um NPD sondern um die Republikaner.

    Ich hab mal gesucht, hier ist es aufgeschrieben:

    http://www.redok.de/content/view/647/39/

  • 21. April 2009 - 12:31 | Permalink

    Schade, aber heutzutage ist es so…

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